Die Partitur

Verschiedenes gleichzeitig aufschreiben, ohne es zu vermischen

Die Partitur ist dann eine interessante Methode für dich, wenn du während des Schreibens immer wieder Einfälle dazu hast, was du am bereits geschriebenen Text verbessern könntest oder wenn du den Schreibfluss immer wieder unterbrichst, z.B. um einen Begriff nachzuschlagen oder nach Literatur zu suchen. Der Grundgedanke der Partitur ist, alles, das während des Schreibens solche „Nebenschauplätze“ eröffnen würde, notieren und ohne große Unterbrechung im eigentlichen Schreibfluss fortzufahren.

Wenn du dir eigentlich vorgenommen hast, neuen Text zu produzieren, dann ist es hinderlich, stattdessen deine Zeit mit Überarbeitungen oder Recherchen zu verbringen, auch wenn der „innere Kritiker“ dazu drängt. Diese spontanen Einfälle zu unterdrücken oder zu verwerfen wäre allerdings auch nicht klug. Besser wäre es, dich im Schreibfluss nicht unterbrechen zu lassen und gleichzeitig die zusätzlichen Gedanken für später zu sichern – ohne sie im Gedächtnis behalten zu müssen. Eine entsprechende Lösung besteht darin, alles zu notieren, das dir neben der Textproduktion auffällt, damit du es später abarbeiten kannst. Die meisten Schreibenden tun das ganz intuitiv ohnehin schon hin und wieder. Der Zweck der „Partitur“ besteht darin, dieser Arbeitsweise ein System zu geben. Indem du die Einfälle schriftlich festhältst, erlaubst du dir diese Aufgaben – für den Moment – als erledigt zu betrachten. Sie komplett unerledigt zu lassen, würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie dir immer wieder zu unpassenden Zeiten in den Sinn kommen (vgl. Zeigarnik-Effekt).

Der Name „Partitur“ bezeichnet die Vorgehensweise, Verschiedenes parallel zueinander zu notieren, ohne es dabei zu vermischen. Dein Text ist in diesem Bild die „Melodie“. Während du an diesem schreibst, kannst du auch kurze Notizen in den „Begleitstimmen“ machen, ohne dich davon lange unterbrechen zu lassen. In diesen „Begleitstimmen“ kannst du z.B. festhalten, wenn dir ein Begriff unpassend erscheint und du einen treffenderen suchen möchtest, wenn dir eine Formulierung noch zu unklar ist oder wenn eine Stelle noch durch ein Zitat belegt werden muss.

Trotz des ein wenig hochtrabend klingenden Namens ist diese Methode in der Praxis sehr einfach umzusetzen. Natürlich sollst du deinen Text nicht auf Notenpapier schreiben, sondern mit dem Werkzeug, das für dich am besten funktioniert. Falls du per Hand schreiben solltest, könntest du einfach Markierungen am Seitenrand machen, ganz ähnlich wie beim Korrekturlesen. Viel öfter wirst du vermutlich ein Textverarbeitungsprogramm wie z.B. Microsoft Word oder OpenOffice Writer verwenden. Die Kommentarfunktion dieser Programme eignet sich gut, um am Rand des Texts Notizen anzubringen, auf die du später zurückkommen kannst, sofern sie sich so flüssig bedienen lässt, dass sie nicht selbst zum ablenkenden Hindernis wird. Farbliche Markierungen sind auch denkbar. Du kannst deine Markierungen auch ganz einfach in den Fließtext hineinschreiben, wenn du dir dazu ein Notationssystem überlegst, das diese leicht wiederauffindbar macht. Dazu überlegst du dir Kürzel, mit denen du Stellen kennzeichnest, die du später noch einmal überarbeiten möchtest. Dass diese Kürzel gut von deinem eigentlichen Text unterscheidbar sind, kannst du sicherstellen, indem du sie mit einem Sonderzeichen einleitest, das du ansonsten nicht verwendest, wie z.B. #, @ oder $. So könnte z.B. #BG bedeuten „Begriff nachschlagen“, #LIT könnte heißen, dass eine Stelle noch einen Literaturverweis benötigt und #UNK könnte eine unklare Formulierung markieren, die du noch einmal überarbeiten möchtest. Über die Suchfunktion deines Textverarbeitungsprogramms kannst du diese Kürzel später leicht wiederfinden. Wenn du der Reihe nach alle Markierungen sehen möchtest, suchst du nur nach dem Sonderzeichen. Wenn du dich auf eine bestimmte Art von Markierung konzentrieren möchtest, suchst du nach dem kompletten Kürzel. Mit der Funktion „Suche und Ersetzen“ kannst du die Kürzel schließlich wieder beseitigen, wenn du sie nicht mehr benötigst. Die Arbeit mit solchen Kürzeln bietet den Vorteil, dass du mit den Händen an der Tastatur bleiben kannst und mit den Augen beim Text. Das hilft dabei, die Unterbrechung der Textproduktion möglichst kurz zu halten. Auch falls du in einem Programm schreiben solltest, das gar keine Kommentarfunktion außerhalb des Fließtexts besitzt, sind solche Kürzel eine gute Lösung. Das betrifft z.B. die meisten Editoren, die man für die Arbeit mit LaTeX verwendet. Aber auch, wenn du dich für die Kommentarfunktion entscheidest, kann eine vereinheitlichte Notation dabei helfen, gleichartige Anmerkungen über die Suchfunktion zu finden, um sie gebündelt abzuarbeiten.

Quellen bzw. weiterführende Literatur

[1] Ulrike Scheuermann: Die Schreibfitness-Mappe, Linde Verlag, Wien 2011, S. 104

[2] Nora Hoffmann: Rohtexten im Schreibprozess – warum und wie, in: Sarah Herfurth, Eva Kaufholz-Soldat (Hrsg.): Wissenschaftliches Schreiben in den MINT-Fächern, Expert Verlag, Tübingen 2023, S.150

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